Gute Vorsätze leicht(er) gemacht

Aktualisiert: 25. Jan. 2021


Am Anfang eines neuen Jahres geht es an allen Ecken und Enden um gute Vorsätze und Veränderung. Wir sollen ja nicht einfach nur so ins neue Jahr hinein stolpern, sondern planen und zu koordinieren, damit alles genau so läuft, wie wie wir das wollen:

Die romantischste aller Partnerschaften, der idealen Job, finanzieller Wohlstand bis hin zur gestählten Wunschfigur - Dinge, die wir Menschen uns offenbar am allermeisten wünschen. Gute Vorsätze zu fassen ist eine Sache. Sie durchzuziehen eine andere.

Wusstest du, dass gerade mal 8% tatsächlich langfristig umgesetzt werden und bis Ende Januar zwei Drittel davon schon wieder aufgegeben sind?

Da stellt sich doch die Frage: Warum ist das so?

Weil du das Richtige aus den falschen Gründen wollen kannst. Und das motiviert dich nicht.

 
 

Es gibt die Geschichte von dem jungen Novizen, der in seinen ersten Tagen im Kloster von einem älteren Mönch herumgeführt wird. Auf ihrem Rundgang nickt der Ältere grüßend einem der Mönche zu, die vorbeigehen und sagt zu seinem Schützling:

"Er fastet sieben Tage hintereinander."

Ein paar Schritte weiter zeigt er auf einen anderen Mitbruder.

"Er meditiert 8 Stunden lang ohne Pause."

Und etwas später:

"Siehst du den Mann auf der Leiter zum Apfelbaum? Er kann die Schrift auswendig, Satz für Satz."

Beeindruckt sagt der junge Novize: "Ich wünschte, ich könnte das auch."

Der Ältere bleibt stehen, sieht ihn an und fragt:

"Was genau wünschst du dir? Es zu können oder es zu lernen?"

Verwirrt sieht ihn der junge Mann an. "Wie meinst du das?"

"Was ist dein Antrieb? Möchtest du die Schrift auswendig können, weil es eine beeindruckende Errungenschaft ist oder willst du die Erfahrung des Studierens machen? Wenn ersteres deine Motivation ist, dann geht es dir nur um das Ergebnis. Im zweiten Fall geht es dir um den Prozess an sich. Dann bist du neugierig darauf, welche Erkenntnisse er dir beschert und was du alles lernen wirst."



Was uns motiviert - Die 4 Zündkerzen des menschlichen Antriebs


Für die großen philosophischen Schulen lässt sich alles, was wir tun, auf Angst, Begehren, Sinnhaftigkeit oder Liebe zurückzuführen. Die vier sind sozusagen die Wurzel von allem, was wir tun. Davon ausgehend formen wir unsere Ziele und Vorsätze. Dem jungen Mönch in der Geschichte ging es bei seinem Wunsch, die Bibel auswendig zu können, wahrscheinlich um das Begehren nach Bewunderung. Wenn es Angst ist, die dich motiviert, nimmst du dir als oberstes Ziel vor, dich vor xy zu beschützen. Treibt dich eine Sehnsucht nach Aufmerksamkeit, dann formulierst du vielleicht ein Berufsziel, das dich mehr in die Sichtbarkeit bringt. Sind Sinnhaftigkeit und Liebe deine Hauptmotivatoren, gehst du dorthin, wo du einen Beitrag leisten kannst und gebraucht wirst.


Am Ende lassen sich alle Entscheidungen auf eine oder mehrere dieser Haupttriebfedern zurückführen: Wir treffen eine Entscheidung, weil wir befürchten, sonst zu wenig Geld zu verdienen (Angst). Oder weil wir Beifall von unseren Kolleg*innen oder Freund*innen möchten (Begehren). Um die (scheinbaren) Erwartungen unserer Eltern zu erfüllen (Angst, Liebe). Oder wir tun etwas, um die Welt zu verändern (Sinnhaftigkeit).


Insofern lohnt es sich, uns die 4 etwas genauer anzusehen und herauszufinden, welche dich und deine Entscheidungen am öftesten beeinflusst:


  1. Angst - die "andere Hälfte des Mutes" (Reinhold Messner):

Über die Angst lässt sich vieles sagen, sie verdient einen eigenen Artikel. Soviel heute dazu: Wenn es Angst ist, die dich motiviert, dann tust du etwas - in einer Beziehung bleiben, eine Wohnung kaufen, eine Stelle antreten - weil du dir davon Sicherheit versprichst. Das ist nicht automatisch schlecht: Angst ist oft ein hilfreiches Warnsignal. Sie kann Probleme anzeigen und bringt uns in die Gänge, zum Beispiel raus aus dem brennenden Haus. Sie lässt uns auch ordentlicher, pünktlicher oder disziplinierter werden, wenn wir sonst unangenehme Konsequenzen befürchten. Die Sache mit der Angst als Motivatorin ist nur: Sie ist nicht nachhaltig. Wer über einen längeren Zeitraum (und mitunter ist es ein Lebenskonzept) aus Angst heraus agiert, findet nie zu seinem*ihrem eigentlichen Potential, weil er*sie sich zu viele Sorgen um das Ergebnis macht. Da gibt es keine hohen Sprünge, keine mutigen Entscheidungen, keine Fehlerkultur und damit auch keine Innovation. Angst will nur überleben und dafür reicht Durchschnittlichkeit. Abgesehen davon: Wer sich fürchtet, macht Fehler (etwas, das alle Lehrer*innen und Führungskräfte wissen (sollten)).


2. Begehren - Always sunny in a rich man's world?


Unsere zweite Hauptmotivatorin: Persönliche Befriedigung. Meistens geht es um materielle Ziele wie eine Designerküche, das neueste Smartphone oder eine Riesenhochzeit. Autos gehören auch dazu. - Ob das tatsächlich unsere ureigensten Wünsche sind oder wir diese Statussymbole wollen, weil andere uns dann für erfolgreich halten, steht auf einem anderen Blatt.

Natürlich ist finanzielle Freiheit etwas Erstrebenswertes und der Wunsch danach nichts Verwerfliches. Nur: Einmal erreicht, bedeutet Wohlstand nicht automatisch, dass wir deswegen dauerhaft glücklich sind. Wir sind einige mitunter sehr reale Sorgen los, unbedingt. Doch bleiben materielle Errungenschaften trotzdem Äußerlichkeiten. Wir wissen, dass ab einem bestimmten Einkommen weder Glücksgefühle noch Motivation proportional dazu ansteigen.

Jeffrey Sachs, der Chefredakteur des "World Happiness Report" berichtete 2015 in einem Interview mit der Washington Post, dass das Durchschnittseinkommen der US-Bürger seit 2005 zwar stetig ansteige, der "Glücksindex" aber gefallen sei, weil Glück weit mehr von persönlichen und sozialen Faktoren abhängig ist als von Geld.

Und wir kennen alle die Stories von den Stars und Sternchen, die scheinbar doch alles haben, was das Herz begehrt, und trotzdem im Drogensumpf, Alkohol und Scheidungskrieg versinken. Auch reiche Menschen kämpfen mit ihrem Selbstwert, sind unglücklich, getrieben, unausgefüllt, depressiv und einsam.

Was sie weiterhin suchen, ist das Gefühl von Erfülltheit, Sinn und Frieden - sprich: Das innere Glück. Das kommt nicht automatisch mit dem Erfolg, also dem Ziel, das wir uns mal gesetzt hatten. Warum nicht?

Erfolg bedeutet, Geld zu verdienen, Projekte reibungslos umzusetzen, für die Leistung respektiert zu werden und Lob zu bekommen. Glück bedeutet, dich mit dir selbst wohl zu fühlen, tragfähige Beziehungen zu haben inklusive einer stabilen spirituellen Basis und die Welt um dich herum zu verschönern.



3. Sinn


Wenn Angst uns einschränkt und Erfolg uns auch nicht nachhaltig befriedigt, bleiben noch die letzten beiden Triebfedern und - du wirst es schon ahnen - sie sind tatsächlich vielversprechender.

Sinn gibt allem, was wir tun, eine höhere Bedeutung. Wir tun dann auch unangenehme Dinge oder etwas, das per se vielleicht keinen Spaß macht (abends in der Bibliothek sitzen), weil wir ein höheres Ziel haben (Dissertationen selbst verfassen).

Sinnhaftigkeit motiviert uns durch Dankbarkeit, Verantwortungsgefühl und den Wunsch, das Richtige zu tun. Das hat einen enormen Impact auf unsere Entscheidungen und darauf, wie wir uns verhalten. Bin ich tief davon überzeugt, dass mein Ziel etwas Sinnvolles ist, dass es eine hohe Bedeutung für mich hat, bleibe ich dran. Wenn eine Ex-Skirennläuferin erzählt, sie sei immer am Neujahrstag frühmorgens auf die Piste, weil die Trainingsbedingungen dann ideal waren (keine anderen Schifahrer*innen), dann bedeutet das auch, dass sie als junge Frau entweder jahrelang auf die Silvesterparty verzichtet hat oder - was wahrscheinlicher ist - dass sie nach ein paar Stunden Schlaf trotzdem aus dem warmen Bett zum Training gegangen ist. Das braucht hohe Motivation und ein Ziel, das groß und persönlich bedeutungsvoll ist.