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  • Judith Heizer

Keine Rose für dich?

Aktualisiert: Feb 15


Der Valentinstag. Ein Tag, an dem Paare ihre Liebe feiern. Und, will man dem Internet glauben, die Singles dieser Welt sich kollektiv in die Depression oder den nächstbesten Fluss stürzen. Doch: Stimmt das tatsächlich? Oder ist das nur ein Vorurteil derer, die sich ein ausgefülltes und glückliches Leben außerhalb ihrer eigenen Lebensform nicht vorstellen möchten?

Viele meiner Klient*innen sind nicht liiert und fühlen sich wohl damit, solange ihnen niemand das Gegenteil erklärt. Denn bekanntlich ist Liebe mehr als Romantik und eine Leidenschaft für sich selbst das stabilste Fundament für Glück. Was mich zu der Frage führt: Wie stehen wir als Gesellschaft zu den sogenannten Alleinstehenden?

- Über die Kunst, sich selbst zu genügen, warum Singelshaming für unsere Kultur beschämend ist und wie wir aufhören können, die Liebe klein zu machen



Wir schreiben das Jahr 2021: Das dritte Geschlecht (m/w/d) ist gesetzlich verankert, ebenso die Ehe für alle. Wir sehen überall kunterbuntes Familienpatchwork und wen das Experiment mit Polyamorie oder offenen Beziehungsvariationen noch schockiert, gilt schon fast als bieder. Die Postmoderne und ihr Zeitgeist der Toleranz erlauben in der Liebe inzwischen deutlich mehr Konstellationen als zur Zeit unserer Großeltern. Nur eine Art der Paarbeziehung ist offenbar noch immer ein öffentliches Ärgernis: Keine zu haben.



Ungebunden = ungeliebt?


Ich erinnere mich an einen Arztwechsel vor einigen Jahren. Ich war damals Anfang Dreißig und single. Im Erstgespräch bekam ich die Frage gestellt: "Sind Sie verheiratet oder allein?"

Der Arzt, ein Familienvater Mitte Vierzig, ging offensichtlich davon aus, dass eine Frau in meinem Alter verheiratet ist. Wohlgemerkt: Nicht einfach nur liiert, sondern verheiratet.

Die einzige Alternative dazu: Einsamkeit. Denn genau das suggeriert "Alleinsein". Ist, wer ohne feste*n Partner*in lebt, automatisch bemitleidenswert?

Ich war etwas perplex ob seiner beiden Vorschläge und antwortete:

"Ich bin single, wenn Sie das meinen. Aber nicht alleine."

Das hat ihn wiederum völlig irritiert und zu der Anschlussfrage gebracht, ob ich denn nun abends alleine ins Bett ginge oder nicht. Ich fand das unsensibel, übergriffig, respektlos und vor allem: Ich fühlte mich beschämt, ohne zu wissen, wie ich dazu kam.

Damals wusste ich es noch nicht, aber das Gefühl, das er mir vermittelt hat, hat einen Namen: Es nennt sich Singleshaming. Und: Es ist ein weibliches Phänomen.



Singeshaming - Was stimmt nicht mit dir?


Singleshaming bedeutet nicht etwa, sich selbst dafür schämt, single zu sein, sondern dass man von anderen deswegen kritisiert wird, weil man nicht in einer Paarbeziehung lebt. Und es ist tatsächlich weiter verbreitet, als unsere aufgeschlossene Gesellschaft es vermuten lässt. Ich höre davon sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld, bei jungen Studentinnen genauso wie Freundinnen meines Alters oder älteren Kolleginnen.

"Wie kann eine Frau wie du denn single sein?", "Du bist doch eine tolle Frau" oder "Der kommt schon noch!" scheinen hier die Klassiker zu sein, mit denen das Umfeld Ihre Lebensform kommentiert.

Auch wenn das oft nett gemeint ist, implizieren Bemerkungen dieser Art doch eines: Wer single ist, dem fehlt etwas. Platon und seine beiden Halbkugeln. Ohne Partner*in ist man nicht vollständig. Wenn alles mit rechten Dingen zu geht, dann hat man doch jemanden. Wenn nicht, dann kann da was nicht stimmen. Also gibt es da ein Defizit. Oder man hat zu hohe Ansprüche, dann "passt dir wohl der Zehnte nicht".

Das hinterlässt Spuren. Frauen erzählen mir im Coaching (und nicht nur dort), dass diese Suggestionen von außen sie verunsichern. Sie nagen an ihrem Selbstwertgefühl und bringen sie zum Nachdenken, was mit ihnen denn nicht stimmt.



Weiblich, ledig – such gefälligst


Die Voraussetzung, dass ihre Lebensform defizitär ist, geht konsequenterweise auch davon aus, dass Frauen darunter zu leiden haben. Wer etwa "Singles und Valentinstag" eingibt, erhält viele Tipps ("Das kannst du tun", "Die 10 besten Tipps für Singles" bis zu "Überlebenstipps, um als Single den Valentinstag zu überstehen"). Natürlich gibt es Singlefrauen, die sich eine Beziehung wünschen. Aber es gibt genauso Frauen, die es nicht tun. Insofern fällt die (gegenseitige) Irritation noch stärker aus, wenn sie, ganz nach "weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht", offensichtlich auch nicht darunter leiden (wie Gunda Windmüller in ihrem Buch "Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht" beschreibt).

Ich finde das bedenklich, denn es führt dazu, dass eigentlich selbstbewusste Frauen, die sich mit ihrer Lebensform wohlfühlen und ihr Leben genießen, sich trotzdem zu fragen beginnen: Was stimmt denn nicht mit mir, dass ich nicht drunter leide?

In einer Kultur, die dem Beziehungsstatus einer Person einen unverhältnismäßig hohen Stellenwert einräumt, überrascht es nicht, dass Singles mit Selbstwertthemen kämpfen, sagt die New Yorker Psychotherapeutin Allison Abrams. Doch von vornherein anzunehmen, das Leben einer anderen Person wäre unvollständig ohne Partnerschaft, ist ebenso absurd wie gefährlich. Scham in all ihren Formen, sagt sie, erodiert unsere Psyche, unser Selbstwertgefühl und all unsere Errungenschaften.

Und wo unser Selbstwert beschädigt wird, ist der Boden für Depressionen gelegt.


Fragt man Eltern nach ihren Erziehungszielen für ihre Töchter, kommen Selbstbewusstsein, Selbständigkeit, Selbstliebe, Unabhängigkeit, Toleranz, gute Manieren an oberster Stelle.

Weshalb tun wir uns dann so schwer damit, wenn diese Ziele erreicht sind?

Oder anders gefragt: Wieso halten wir die Singlefrau noch immer für eine so beunruhigende Abweichung von der Norm?



Der Biedermeier im Kopf


Laut Statistik Austria lebten 2019 bereits 15,7% der österreichischen Männer und 18,2% der Frauen in Singlehaushalten. Im Gegensatz dazu sind die Anteile der Personen, die als Ehemänner bzw. Ehefrauen mit Kindern im Haushalt seit den 1970ern um ganze 10 % zurückgegangen. Das United States CENSUS Bureau, eine Institution der US-Regierung, zählte in den USA 2019 knapp 60 Millionen Männer und Frauen als Singlehaushalte, (53,2% davon Frauen und 46,8% Männer). Singlehaushalt bedeutet natürlich nicht automatisch Single-Leben. Dennoch machen diese Zahlen eine Realität deutlich, die in unseren Köpfen noch nicht angekommen ist: Die Lebensform als Single hat mit der der ehelichen bzw. familiären Wohngemeinschaft fast gleichgezogen.

Dieser Gap zwischen IST- Zustand und vermeintlichem SOLL-Sein verweist auf eine weitere unschöne Tatsache:

Während es ebenso viele Single-Männer wie Single-Frauen gibt, trifft Singleshaming so gut wie ausschließlich heterosexuelle Frauen. Ein Singlemann ist wohl nach wie vor der attraktive Bachelor, der sich noch nicht einfangen hat lassen und seine Freiheit genießt, bevor er die letzte Rose vergibt. Für Frauen sieht das anders aus. Allein das Wording "Junggeselle" beziehungsweise "Alte Jungfer" zeigen auf, wie wesenhaft der Unterschied zwischen Männern und Frauen hier ist, wie es auch Harvard-Absolventin und Autorin Bella DePaolo beschreibt:

"Single women are members of one of the most stigmatized groups we refuse to acknowledge. Single men face stigma as well, but not nearly to the same extent. Just consider the connotative contrast between “spinster” and “bachelor” or “playboy.” The cultural lie tells us that a woman has not reached the true pinnacle of success or become a fully realized person until she walks down the aisle or has a ring on her finger."

Für die Literaturwissenschaftlerin Gunda Windmüller sind hier tatsächlich noch Vorstellungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert aktiv, also einer Epoche, die mit unserem jetzigen Leben kaum noch Berührungspunkte hat. In der bürgerlichen Kleinfamilie war es für Frauen nicht möglich, sich selbst zu versorgen und dann auch noch gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Während der Mann draußen in der Welt seinen Mann stand, sorgte die Frau im Heim für Kinder und Kuchen. Single und kinderlos war nicht vorgesehen, suspekt - und auch riskant, da dieses Modell der Rollenverteilung auch eine Absicherung darstellte. Mann und Kinder bedeuteten Sozial- und Pensionsversicherung.

Beides gilt heute nicht mehr. Scheinbar.



All the Single Ladies


Wenn nun mehr und mehr weibliche Millenials (die Generation, die im Zeitraum der frühen 1980er bis zu den späten 1990er Jahren geboren wurde) Hochzeit und Familiengründung nach hinten verschieben, um sich vorerst auf ihrer Karrieren, ihre Freundschaften und ihre persönliche Entwicklung zu konzentrieren, werden wir mit einem neuen weiblichen Selbstkonzept konfrontiert. Und wer meint, das beträfe dann ja ohnehin nur die Frauen, denkt zu kurz. Mein früherer Chef an der Uni Wien, Theologe Paul Michael Zulehner, hat es umgekehrt im Zuge seiner Männerforschung in den 90ern so formuliert: "Die Weiterentwicklung der Frauen scheitert an der Nichtentwicklung der Männer."

Wenn Frauen nun also ein neues Selbstverständnis entwickelt haben, wirkt sich das auf die Gesamtgesellschaft aus, nicht nur auf einen Teil davon.

Vergessen wir nicht: Allein die Anerkennung eines weiblichen Selbst, das unabhängig von Mann und Kind existiert, ist auf dem Hintergrund des bürgerlichen Familienmodells tatsächlich und immer noch revolutionär. Ein Zeitalter, in dem sich Frauen jeden Alters ihrer eigenen Entwicklung, ihren Wünsche und Neigungen im selben Ausmaß widmen, wie sie sich früher der Fürsorge um andere widmeten, ist ein großer Schritt in Richtung Ganzwerden unserer Gesellschaft. Aus Coachings mit Singlefrauen jeden Alters und auch aus eigener Erfahrung weiß ich: Es gibt Zeiten, da macht es am meisten Sinn, für sich zu bleiben. Da sollte man die gesamte Aufmerksamkeit und Energie auf die eigenen Prozesse legen. Da will man sich nicht ablenken lassen. Und fühlt sich dabei weder allein noch defizitär.


- Übrigens gibt es auch hier einen deutlichen Unterschied zwischen den Geschlechtern:

Während viele Frauen ihr Fürsichsein über weite Strecken genießen, bedeutet es für Solomänner ein Gesundheitsrisiko. Laut Robert Koch-Institut verkürzt sich ihre Lebenszeit gegenüber Männern in einer Partnerschaft durchschnittlich um zwei Jahre. Bei Frauen hingegen bleibt die Gesundheit so gut wie unverändert. Die Singlefrau hat gelernt, sich emotional besser zu versorgen, sie hat andere Arten von Freundschaften und kommuniziert anders, sagt Gunda Windmüller dazu.



One to make you happy, one to make you sad?


Es gibt so viele verschiedene Lebenskonzepte und Wege zum Glück. In einer romantischen Beziehung zu sein ist einer davon, aber kein obligatorischer. Oder, wie Bella DePaulo es beschreibt:

"If you are not already a happy person, don’t count on marriage to transform you into one. If you are already happy, don’t expect marriage to make you even happier … finally, if you are single and happy, do not fret that you will descend into despair if you dare to stay single. That’s not likely either."

Theoretisch wissen wir das natürlich. In der Praxis bewerten wir aber immer noch anders.



Love is all around you


"Wieso haben wir die Liebe so klein gemacht und in die Ecke von Romantik & Co. gesperrt, wenn sie doch so viel mehr ist: Nämlich eine Art sich selbst als Mensch zu begreifen, eine Möglichkeit sich wirklich zu entfalten und zu wachsen, für sich, miteinander, voneinander?", fragt sich meine Kollegin, Coach und Trainerin Elisabeth Hahnke.

Denn: Menschen die sich selbst kennen, spüren und ihre Kreativität zum Ausdruck bringen, sind Liebende. Deine Begabungen, dein Geschenk in die Welt zu bringen ist Liebe. Mitgefühl ist Liebe. Zwischenmenschliche Beziehungen aller Art, in denen wir uns gegenseitig zum Lachen und Wachsen bringen, all das ist Liebe.


Deshalb plädiere ich für ein neues gesellschaftliches Narrativ jenseits von Singleshaming und Stigmatisierungen. Ein Selbstverständnis, das niemanden, auch Frauen nicht nach ihrem Beziehungsstatus oder der Zahl ihrer Kinder definiert, sondern nach dem, wer sie sind.

Was wäre, wenn wir uns hier auf neue Ziele konzentrieren würden, zum Beispiel Wachstum, Selbstakzeptanz und Selbstliebe?

Wenn wir ein Commitment mit uns selbst eingehen würden, nämlich, schlicht unser Bestes zu leben, in Gesundheit und Krankheit, in Armut und in Reichtum, mit oder ohne Partner*in?








Ich war bei meiner Recherche zu diesem Artikel überrascht, wie viel Forschung und Publikationen es zu diesem Thema gibt. Hier eine Auswahl:


Gunda Windmüller (2019). Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht. Eine Streitschrift. Rowohlt.


DePaulo, Bella (2006). Singled out: How singles are stereotyped, stigmatized, and ignored, and still live happily ever after. St Martin's Press.


Traister, Rebecca (2016). All the Single Ladies: Unmarried Women and the Rise of an Independent Nation, Simon Schuster.

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DDr. Judith Heizer

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