Cheer for you! Wie du aufhören kannst, allen Erwartungen zu entsprechen
- Judith Heizer
- 4. Okt. 2021
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Apr.
Marlene ist erschöpft.
Ich kenne sie, seit sie mir damals auf einer Kindergeburstagsparty in den Achzigern ihren lila Glitzerstift geborgt hat. Ab da war klar: Wir verstehen uns. Damals wie heute ist Marlene diejenige, die offenbar immer alles auf der Reihe hat:
Sie war das Volksschulkind, das immer alle Hefte beisammen und ein frisches Taschentuch parat hatte. Sie war der Teenager, der Schule, Hockeytraining, Klavier- und Reitstunden lächelnd unter einen Hut brachte. Sie war die smarte Studentin in Mindestzeit mit gleich 2 Nebenjobs. Heute ist Marlene eine erfolgreiche Juristin, vergisst nach wie vor keinen Geburtstag, bringt immer das perfekte Geschenk mit und ich habe noch nie erlebt, dass sie kein frisches Taschentuch, einen Badhair-Day oder einen Fleck auf der Hose hatte.

Perfect-girl-ism
Marlene ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und fährt regelmäßig am Wochenende zu ihren Eltern an den Chiemsee. Sie wirkt wie das weibliche Rolemodel schlechthin: Beruflich erfolgreich + ideale Ehefrau + liebevolle Mutter + perfekte Tochter.
Nun sitzt sie vor mir an einem üppig gedeckten Frühstückstisch (die Marmelade ist selbstgemacht) und kämpft mit den Tränen.
Sie ist gefühlt immer am Anschlag, immer unter Druck und findet, ihr Leben zieht an ihr vorbei. Bei all den Bällen, die sie jongliert, hat sie jeden Moment Angst, dass alles zusammenfällt.
"Eigentlich ist doch alles schön, wie es ist. Aber mein Leben kostet mich trotzdem so viel Kraft",sagt sie. "Ich bemühe mich so sehr, alles richtig zu machen! Was mache ich denn falsch?"
Ob sie schon überlegt hat, was sie daran ändern würde?, frage ich sie. Hat sie schon, sagt sie. "Aber ich weiß nicht was. Und abgesehen davon trau' ich mich nicht."
Sie traut sich nicht, ihrer wichtigsten Kundin zu sagen, dass sie mit ihrer Strategien nicht einverstanden ist. Sie hat Angst, mit ihrem Mann darüber zu sprechen, dass sie raus aus der Stadt ziehen möchte. Und an Weihnachten mit ihrer Familie zuhause bleiben und endlich so feiern, wie sie sich das vorstellt, statt die Feiertage bei ihren Eltern zu verbringen? Unmöglich.
People-Pleasing auf Autopilot
Wie bei vielen von uns dreht sich Marlenes Leben darum, möglichst allen Erwartungen gerecht zu werden. Sie ist so damit beschäftigt, sich um die Bedürfnisse anderer zu kümmern, dass sie die wichtigsten regelmäßig vergisst: Ihre eigenen.
Was die wenigsten wissen: People-Pleasing ist der kleine Bruder des Perfektionismus.
Perfekt zu sein bedeutet dann, zu 100% zu erfüllen, was von mir erwartet wird.
Nicht immer sind diese Erwartungen offen ausgesprochen. Viele Fäden, die uns hier festhalten, sind unsichtbare Automatismen, aus der Kindheit mit herübergesponnen und kaum je hinterfragt. So kommt es, dass sich bei näherer Beleuchtung häufig herausstellt: Das ist alles nur in meinem Kopf. Doch um den Wunsch nach Sicherheit nicht zu gefährden, haben wir nie ein Update gemacht. Weil das mit den frühen Prägungen ebenso eine Sache ist ...
In a nutshell: Bevor wir andere enttäuschen, nehmen wir lieber unsere eigene Enttäuschung in Kauf, auch wenn das bedeutet, zu verleugnen und zu ignorieren, was wir eigentlich brauchen. Mit Selbstrespekt hat das nur wenig zu tun. Warum also machen wir es trotzdem?
Weil es da diese Stimme gibt, die uns einflüstert, dass wir sonst nicht mehr perfekt, nicht mehr gut genug sind. Und das ist der Stoff, aus dem Albträume sind.
Bei Sauerstoffmangel helfen Sie bitte erst sich selbst, dann helfen Sie anderen
Darum richtet Marlene ihr Leben nach (vermeintlichen) Erwartungen aus, bei deren Nichterfüllung für sie automatisch der worst case droht: Ihre Kundin wird sie fallen lassen, ihr Mann sich trennen und ihre Eltern verletzt und enttäuscht den Kontakt zu ihr abbrechen.
Darum tut Marlene sich so schwer sich einzugestehen, wenn sie an eine Grenze kommt - und dass diese Grenze auch heißen darf: Sei mir nicht böse, aber darauf habe ich heute keine Lust.
Wenn die innere Parole heißt, ich muss alle an mich gestellten Erwartungen maximal erfüllen, macht es das für Marlene unmöglich, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zuzulassen und auszusprechen.
Wir alle kennen die Anweisung aus dem Flugzeug: Zuerst sich selbst retten, danach helfen Sie anderen. Selbstwertgefühl, Selbstliebe und Selbstsicherheit fallen nicht vom Himmel. Sie entstehen, wenn wir damit beginnen, uns selbst zu respektieren. Sie wachsen mit jedem Mal, wo wir uns selbst ernst nehmen und unterstützen, statt uns auseinander zu nehmen. Die Autorin und ehemalige CNN-Mitarbeiterin Mel Robbins nennt es "Cheer for yourself"!
Für den Anfang bedeutet das, Sätze wie diese hier in deinen inneren Dialog einzubauen:
- Das kannst du.
- Heute erlaube ich mir ... - Du darfst das. - Du machst das wunderbar.
- Und du siehst großartig dabei aus.
Es ist Zeit, dir selbst den Respekt und die Unterstützung zu geben, die du brauchst und verdienst. Weniger People-Pleasing, mehr Fürsorge und Freiheit für dich. Und bessere, ehrlichere, glücklichere Beziehungen.
Marlene hat sich übrigens ein Herz gefasst und mit ihren Eltern gesprochen. Wie sich herausstellte, wollten sie eigentlich schon länger mal mit Marlenes Bruder in München Weihnachten feiern, dachten aber, dass Marlene ihnen das übel nehmen würde...
Ich wünsche dir eine Zeit voller respektvoller Klarheit.
I cheer for you, too!




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