Shame on you?

Die Angst, Fehler zu machen oder gar zu scheitern kommt aus unserem starken Bedürfnis, uns nicht schämen zu wollen. Die Angst vor Scham ist die Geburtsstunde deiner Antreiber. Warum? Weil schämen tatsächlich ein bisschen so ist wie sterben.

 

Ob unser Schamgefühl angeboren oder anerzogen ist, darüber wird noch geforscht. Fakt ist: Schon ganz kleine Kinder schämen sich. Jede*r von uns wurde als Kind mal sehr beschämt. Die meisten erinnern sich ihr ganzes Leben lang an diese Situation. Warum bleibt uns das so

im Gedächtnis? Weil bei Scham dieselben Gehirnregionen aktiv werden wie bei Todesangst. Solche Situationen vergisst man auch nicht einfach. Wir schämen uns, wenn wir etwas tun, was (scheinbar) sozial unerwünscht ist, etwa, in der Öffentlichkeit zu weinen oder zu laut zu lachen. Wir schämen uns, wenn wir Regeln und Normen brechen, zB. wenn wir lügen (und umso mehr, wenn wir beim Lügen erwischt werden!). Körperfunktionen sind auch sehr schambehaftet, vor allem und immer noch für Frauen. – Erinnern wir uns nur an die Schwimmerin Fu Yuanhui, die bei den Spielen in Rio zugab, während der Periode weniger leistungsstark zu sein. Was für ein Aufschrei!

Scham ist Stress pur

Aber der Spitzenreiter auf der Scham-Skala ist nach wie vor: Fehler zu machen. Zu scheitern. Nicht den Erfolg zu haben. Versagen. Scham ist für deinen Körper Stress pur. Das lässt sich an Speichelproben messen. Auch dein Immunsystem reagiert sofort. Wenn du mit Arbeitslosen spricht, siehst du die Scham sogar an ihrer Körperhaltung. Und weil Scham so unangenehm ist, wollen wir sie – schlau wie wir sind – so gut es geht vermeiden. Was das Lügen oder die Rascheltüte im Kino betrifft, ist das ja auch okay. Die Frage ist, wovor uns unser Scham-Vermeidungsverhalten noch alles bewahrt. Deshalb kommt bei mir nach der „Guten-Fee-Frage“: „Was wäre, wenn du einen Wunsch frei hättest“ immer auch die „Scham-Killer-Frage“: „Was würdest du tun, wenn du nicht scheitern könntest?“ Die Antwort, die dann kommt, lautet zu fast 100%: "Ja dann ... dann würde ich es tun! Dann würde ich mein eigenes Ding machen! XYZ ausprobieren! Nochmal die Schulbank drücken! Mich auf die Position bewerben! Mich selbständig machen! Die Frau heiraten! Dem Mann eine Chance geben! Mich für die Taube am Dach entscheiden! Umziehen! Zusammenziehen! Ausziehen! Plötzlich ist die Entscheidung dann klar. Und immer ist diese Vision mit eindeutigen Körpermarkern verbunden, also körperlichen Kennzeichen, auf die ich im Coaching besonders achte. Haltung, Körperspannung, Lachen, rote Wangen – da fliegt dann schon mal ein Blazer oder Sakko in die Ecke.

Aus dem Windschatten treten

Es ist faszinierend, wie viel Mut und Energie freigesetzt werden, wenn wir die Angst vor Scham überwinden. Wenn wir aus dem Windschatten treten und uns trauen, mehr von uns zu zeigen. Vor kurzen war eine junge Frau bei mir mit der Frage, ob sie nach ihrer Berufsausbildung noch studieren sollte. Was sie davon abhält? Dass sie nicht feststellen möchte, dass es nicht klappt. Dass es zu viel für sie ist. Dass sie es nicht schafft. Dass es ein Fehler war. Möglicherweise ist dieses Studium aber auch genau das Richtige für sie. Eventuell sogar ihre Berufung. Vielleicht wird genau sie eine bahnbrechende Theorie entwickeln, neue Bücher schreiben und zu einem Rising Star, der die gesamte Scientific Community voranbringt und einen gesellschaftlichen Mehrwert schafft? Es gibt nur eine Möglichkeit, das heraus zu finden. Was wolltest du immer schon ausprobieren und hast es noch nicht getan, weil die Angst, nicht (sofort und auf Anhieb) zu glänzen dich davon abhält? Wie viele deiner Wünsche, Talente und Ideen liegen vakuumverpackt in deiner Scham-Schublade und fragen sich, ob sie je das Licht sehen? Vertraue deinen Fehlern

Ich plädiere für eine Schublade, in der ganz viel Vertrauen steckt. Zuallererst in dich selbst: Dass du alles hast, was du brauchst, um es zumindest zu versuchen. Dass du klug genug bist, die Risiken einzuschätzen und gute Vorbereitungen zu treffen. Und zweitens steckt in dieser Schublade das Vertrauen in uns alle, dass wir in Zukunft besser wertschätzen, wenn jemand mutig ist. Dass wir einander dann den Rücken stärken statt zu bekritteln und zu beschämen nach dem Motto: „Neid muss man sich erarbeiten, Schadenfreude gibt’s umsonst.“ Also nicht erst bewundern, wenn der Erfolg sich einstellt. Eigentlich bewundernswert sind all die Schritte davor. Ohne Menschen mit Fehler-Mut hätten wir kein Telefon, keine Kartoffeln, keine Jeans, keine Elektroautos, keine Blindarm-Ops. Fehler zu machen befeuert Lernen, Wachstum und Innovationen. Alles andere ist Stagnation – gesellschaftlich und auch persönlich. Eine Mut-Kultur bringt uns alle nach vorn, denn: Je mehr wir auf gegenseitiges Wohlwollen zählen können, wenn es drauf ankommt, umso mehr trauen wir uns (zu). Die junge Frau wird das mit dem Studium übrigens versuchen. Weil sie weiß, dass selbst, wenn sie es irgendwann abbrechen sollte, sie trotzdem eine Menge für und über sich gelernt hat.

Ich wünsche dir ganz viel innovative Fehler und frühlingshafte Wachstumshormone!